The Playbook
ERP

224 Agenten, ein Auftragseingang: Wo KI-Agenten im ERP Wert schaffen — und wo sie Zählware sind

ERP KI-Agenten SAP Joule Mittelstand Business Central Agentic AI DACH PE

Auf der Sapphire im Mai hat SAP 224 Joule-Agenten unter 51 Assistants angekündigt, mit Claude als primärem Reasoning-Modell der neuen Business AI Platform. Im Juli hat Microsoft ein unscheinbares Update für Dynamics 365 Business Central ausgeliefert: Der Sales Order Agent bedient jetzt mehrere Postfächer pro Mandant und liest Bestell-PDFs bis 50 Seiten. Ich habe in den letzten Monaten in Tech Due Diligences immer wieder dieselbe Frage gestellt: Welcher KI-Agent läuft bei euch produktiv, mit messbarem Effekt? Wenn überhaupt eine Antwort kam, war es der langweilige, der Bestell-Mails abtippt. Keiner der 224.

Das ist die Ausgangslage für diesen Text. Über die SAP-Agentenstrategie und ihre Walled-Garden-Logik habe ich im SAP-Kuss des Todes geschrieben, über die Seat-Ökonomie in Agent statt Anwender, über die Technik dahinter steht alles in Agentic Systems. Hier geht es um die Frage, die ein PE-Investor im DACH-ERP-Markt beantworten muss: Wo im Agentenrennen entsteht Wert, der sich in Umsatz, Retention oder Multiple niederschlägt — und wo wird nur gezählt?

Konzernetage: 224 Agenten treffen auf 43% Realisierungsquote

Die SAP-Architektur ist ernst zu nehmen. Claude als Reasoning-Layer, angebunden über das Model Context Protocol an S/4HANA, SuccessFactors und Ariba, mit den Berechtigungs- und Compliance-Kontrollen des Systems darunter — das ist technisch der richtige Bauplan, kein Chatbot-Feigenblatt. Einzelne Agenten liefern belegte Effekte: Der Cash Management Agent spart laut SAP bis zu 70% Bearbeitungszeit, der Production Planning Agent ist seit Q1 2026 GA.

Das Problem sitzt eine Ebene tiefer, und der DSAG-Investitionsreport 2026 beziffert es: 43% der SAP-Anwenderunternehmen haben überhaupt konkrete KI-Use-Cases realisiert, und von denen setzen über drei Viertel auf Non-SAP-Lösungen. Die Kunden bauen ihre KI also mit ChatGPT, Copilot und eigenen Stacks neben dem ERP, während Walldorf 224 Agenten in ein System einbaut, das die Mehrheit so nicht betreibt. Denn die Agenten setzen S/4HANA und eine halbwegs saubere Systemlandschaft voraus. Wie in der S/4HANA-Deadline-Analyse beschrieben, sind erst 39% der ECC-Kunden migriert; 95% der Bestandsinstallationen tragen Custom Code, von dem 40-60% ungenutzt ist. Ein Joule-Agent, der auf eine Z-Tabellen-Landschaft aus zwanzig Jahren losgelassen wird, operiert am offenen Herzen mit ungetesteten Instrumenten.

Für den Konzern-CIO bedeutet das: Vor dem ersten produktiven Agenten steht ein Migrations- und Aufräumprojekt in Jahresdimension. Die 224 Agenten sind eine Roadmap-Zählung, kein Auslieferungszustand — dieselbe Diskrepanz, die ich nach der Sapphire für 2027 als Prüffrage notiert hatte: Wie viele davon laufen in echten Kundeninstallationen? Der Aktienmarkt hat seine vorläufige Antwort am 29. Januar gegeben, mit 17% Tagesverlust nach enttäuschendem Cloud-Backlog.

Mittelstand: Clean Core ab Werk

Im Mittelstands-ERP sieht die Rechnung anders aus, und zwar aus einem Grund, der auf keiner Keynote vorkommt: Ein weclapp-, Haufe-X360- oder Business-Central-Mandant läuft nahe am Standard. Kein gewachsener ABAP-Bestand, keine Z-Transaktionen, Cloud-Betrieb mit laufenden Updates. Das Segment, das am wenigsten KI-Budget hat, hat die beste Agenten-Voraussetzung — Clean Core ab Werk, ohne dass je ein Berater dafür bezahlt wurde. Ein Agent, der auf Standardtabellen und Standard-APIs arbeitet, lässt sich hier einschalten statt einführen.

Was die Anbieter daraus machen, ist sehr unterschiedlich (Käuferschaft ist hier der Geschäftsführer oder kaufmännische Leiter eines Unternehmens mit 50 bis 500 Mitarbeitern — ein anderer Käufer als der Konzern-CIO, deshalb steht SAP bewusst nicht in dieser Tabelle):

AnbieterAgenten-Stand Mitte 2026Charakter
Microsoft Dynamics 365 Business CentralSales Order Agent GA, seit Juli 2026 mehrere Instanzen pro Mandant, Multi-Layer-Artikelabgleich, Agent-Runtime-Framework im ERP-KernEin Prozess, Ende-zu-Ende, messbar
proALPHAAI Hub mit 30+ KI-Apps (Bestandsoptimierung, Prognosen), 100 weitere angekündigt, Multi-Agent-Systeme als Roadmap-ThemaBreite App-Sammlung, Agenten-Begriff dehnbar
Sage X3Sage Copilot mit Sales Intelligence Agent: warnt vor überfälligen Aufträgen, Lieferverzug, sinkender NachfrageMonitoring-Agent, liest und meldet
OdooAgenten mit Zweck, Instruktionen und Tools ab Version 18/19 dokumentiert; Odoo 20 (September 2026) mit agentischen Workflows angekündigtPlattform-Ansatz, Community wird liefern
weclapp, Haufe X360 (Haufe Group)Keine eigene Agenten-Story; in Projekten übernimmt ein externer Workflow-Layer (n8n, Make, Copilot Studio) die AutomatisierungOffene Flanke — oder bewusste API-Strategie

Der Business-Central-Agent ist dabei die Referenz, an der sich alle messen lassen müssen. Er löst einen einzigen Prozess — unstrukturierte Bestell-Mail rein, geprüfter Auftrag raus — und Microsoft investiert seine Release-Zyklen in Langweiligkeiten wie Artikelabgleich über Attribute, Relevanzfilter und PDF-Seitenlimits. Genau daran erkennt man ein Produkt, das bei echten Kunden läuft: Die Roadmap besteht aus Fehlerklassen, die im Betrieb aufgetaucht sind. Bei den 224 Joule-Agenten besteht die Roadmap aus GA-Terminen.

Die Ökonomie dahinter habe ich in Agent-driven Business nachgemessen: Die LLM-Kosten eines Agenten-Laufs sind ein Rundungsfehler, der Wert liegt in der Datenbasis. Für ERP-Anbieter ist das eine ungewöhnlich gute Nachricht, denn die Datenbasis gehört ihnen schon — Artikelstämme, Kundenhistorie, offene Posten, Lieferzeiten. Ein ERP-Hersteller muss für einen brauchbaren Agenten keinen Moat aufbauen, er muss nur seinen vorhandenen verpacken. Das unterscheidet ihn von jedem Agenten-Startup, das erst OAuth-Zugriff auf fremde Systeme erbetteln muss.

KONZERNLIGA MITTELSTANDSLIGA 224 angekündigte Joule-Agenten 1 produktiver Referenz-Agent (Sales Order, GA) WAS DAVOR STEHT 43% haben KI-Use-Cases realisiert (DSAG) davon über 75% mit Non-SAP-Tools 39% der ECC-Kunden auf S/4HANA migriert 95% der Installationen mit Custom Code WAS AB WERK DA IST Clean Core, nahe am Standard Standard-APIs statt Z-Tabellen Cloud-Betrieb, laufende Updates Roadmap aus Betriebs-Fehlerklassen Erst Migrationsprojekt, dann Agent Einschalten statt einführen Käufer: Konzern-CIO Käufer: GF/kaufm. Leitung, 50–500 Mitarbeiter

Zwei Ligen, getrennte Käufer, getrennte Rechnung: Die Konzernliga zählt Agenten und wartet auf Systemlandschaften, die sie tragen können. Die Mittelstandsliga hat einen — und die Voraussetzungen, ihn laufen zu lassen.

Wo Wert entsteht, wo Zählware

Aus PE-Sicht sortiert sich das Feld entlang einer einfachen Prüfung: Ersetzt der Agent einen benennbaren Sachbearbeitungsprozess, dessen Kosten das Unternehmen kennt? Auftragserfassung aus E-Mails, Rechnungsabgleich, Mahnwesen, Bestandsdisposition — das sind Prozesse mit FTE-Preisschild. Ein Agent, der davon einen zuverlässig übernimmt, rechtfertigt Preiserhöhungen und senkt Churn, weil das ERP vom Erfassungssystem zum Mitarbeiter wird. Das ist die Verschiebung aus Agent statt Anwender, nur dass sie im ERP dem Hersteller nützt statt ihm die Seats zu fressen: Der Sachbearbeiter, der wegfällt, hatte oft gar keine eigene Lizenz — der Agent, der ihn ersetzt, kostet extra.

Zählware erkennt man an drei Mustern. Erstens: Agenten-Anzahl als Headline-Metrik, ohne Nennung produktiver Installationen. Zweitens: umetikettierte Bestandsfunktionen — ein Prognosemodell für Lagerbestände ist nützlich, war aber schon KI, als es noch “Predictive Analytics” hieß, und wird durch das Wort Agent nicht autonomer. Drittens: Agenten, deren Einführung mit einem Datenqualitätsprojekt beginnt. Gartner erwartet weiterhin, dass über 40% der Agentic-AI-Projekte bis Ende 2027 abgebrochen werden — meine Wette: Die Abbrüche konzentrieren sich fast vollständig auf die dritte Kategorie. Der Operating-Model-Befund aus State of AI 2026 gilt im ERP verschärft, weil hier jeder Agentenfehler in der Buchhaltung landet.

Meine Perspektive 🎯

  1. Die DD-Frage ändert sich von “AI-ready?” zu “Welcher Prozess ist weg?” Bei ERP-Targets im DACH-Markt frage ich ab sofort nach produktiven Agenten-Installationen, ersetzten Sachbearbeitungsstunden und dem Anteil der Kundenbasis, der sie aktiviert hat. Eine Roadmap-Folie mit Agenten-Anzahl ist in der Bewertung null wert; zehn Referenzkunden mit messbarer Auftragserfassungs-Automatik tragen einen Multiple-Aufschlag.

  2. Der Mittelstands-Vorteil ist real, aber befristet. Clean Core ab Werk verschafft weclapp, Haufe X360 und Co. ein Zeitfenster von vielleicht 24 Monaten, in dem sie Agenten schneller produktiv bekommen als jede Konzern-Installation. Wer das Fenster ohne eigene Agenten-Story verstreichen lässt, überlässt die Automatisierungsschicht einem Workflow-Layer — und damit genau die Wertschöpfung, für die Kunden künftig zahlen. Für die Anbieter ohne eigene KI-Roadmap wird der Rückstand zur Übernahme-Story: Ich rechne mit Add-on-Akquisitionen von KI-Teams durch PE-backed ERP-Plattformen ab 2027.

  3. Für SAP ist Claude die richtige Wahl und trotzdem kein Kundenproblem gelöst. Die Modellqualität war nie der Engpass. Der Engpass sind 20.000 nicht migrierte ECC-Installationen und Custom-Code-Landschaften, auf denen kein Agent sicher operieren kann. SAPs Agentengeschäft hängt damit vollständig am Migrationstempo — was die These aus der S/4HANA-Analyse verstärkt: Das SAP-Partner-Ökosystem bekommt nach der Migrationswelle eine zweite Welle, Agent-Enablement, und bleibt das attraktivste Buy-and-Build-Segment im DACH-Softwaremarkt.

  4. Odoo ist der unterschätzte Faktor. Wenn Odoo 20 im September agentische Workflows in eine Open-Source-Plattform mit Millionen Installationen bringt, entsteht im unteren Mittelstand ein Preisanker, gegen den proprietäre Agenten-Aufpreise schwer zu verargumentieren sind. Die deutschen Anbieter sollten ihre Agenten-Preismodelle jetzt festlegen, bevor Odoo es für sie tut.

  5. Skepsis-Check gegen mich selbst: Auch der Business-Central-Agent ist erst der Anfang, und Microsofts Zahlen zu produktiven Instanzen kenne ich nicht. Möglich, dass in 18 Monaten auch diese Geschichte nach Pilot-Friedhof aussieht. Der Unterschied zur Konkurrenz bleibt trotzdem beobachtbar: Microsoft iteriert öffentlich an Betriebsdetails, die nur existieren, wenn jemand das Ding benutzt.

Fazit

Das Agentenrennen im ERP wird in zwei getrennten Ligen gespielt. In der Konzernliga entscheidet das Migrationstempo, und die beeindruckendste Agentenzahl der Branche wartet auf Systemlandschaften, die sie tragen können. In der Mittelstandsliga entscheidet, wer zuerst zwei, drei Sachbearbeitungsprozesse komplett übernimmt — auf Systemen, die dafür schon heute sauber genug sind. Wert entsteht dort, wo ein Agent einen Prozess mit Preisschild ersetzt und der Hersteller die Daten dafür schon besitzt. Alles andere ist Zählware, und Zählware hat noch nie ein Multiple getragen.

Quellen