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S/4HANA-Deadline 2027: Der größte Umbruch im SAP-Ökosystem seit 20 Jahren

Von Jochen Maurer

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S/4HANA-Deadline 2027: Der größte Umbruch im SAP-Ökosystem seit 20 Jahren

Die All for One Group hat ein Problem gelöst, das 20.000 andere Unternehmen noch vor sich haben. In KW13 übernahm der Mannheimer SAP-Partner die Berliner apsolut — 450 Mitarbeiter, spezialisiert auf SAP-Lieferantenmanagement und S/4HANA-Migrationen. Der Grund: All for One braucht Kapazität. Dringend. Denn die Deadline tickt.

Im Dezember 2027 endet der Mainstream-Support für SAP ECC 6.0. Was abstrakt klingt, ist für die Realwirtschaft ein Erdbeben: Nur 39% der 35.000 SAP-ECC-Kunden weltweit haben bisher auf S/4HANA migriert. Die restlichen 61% — rund 20.000 Unternehmen, stehen vor einer Entscheidung, die ihre IT-Architektur, ihre Geschäftsprozesse und ihre Wettbewerbsfähigkeit für das nächste Jahrzehnt definiert.

In meinem vorherigen Insight zu Tech Due Diligence 2.0 habe ich geschrieben, dass AI-Readiness das neue #1-Kriterium in PE Due Diligences ist. Für SAP-Kunden gilt: S/4HANA-Readiness ist die Voraussetzung für AI-Readiness. Kein AI-Agent, keine Generative-AI-Funktion, kein Joule-Feature läuft auf ECC 6.0. Wer nicht migriert, wird nicht nur vom SAP-Support abgeschnitten — er wird von der gesamten AI-Evolution im ERP-Bereich ausgesperrt.

Die Zahlen: Ein Markt unter Druck

MetrikWertQuelle
SAP-ECC-Kunden weltweit~35.000SAP Community
Bereits auf S/4HANA migriert~39%Kellton 2026
Voraussichtlich Deadline verpassend~20.000BBNTimes
Berater-Ratenerhöhung 2025-202710-20%IgniteSAP
Demand-Supply-Gap (Berater)Faktor 3IgniteSAP
Durchschnittliche Migrationsdauer (Brownfield)12-18 MonateKellton
Durchschnittliche Migrationsdauer (Greenfield)18-36 MonateKellton
Extended Maintenance bis 2030Verfügbar gegen AufpreisSAP

Die Implikation ist brutal: Selbst wenn jedes der 20.000 noch nicht migrierten Unternehmen heute anfangen würde — es gibt nicht genug Berater, nicht genug Projektleiter, nicht genug zertifizierte S/4HANA-Architekten. Der Markt ist physisch nicht in der Lage, alle Migrationen rechtzeitig durchzuführen.

RISE with SAP vs. On-Premise: Die strategische Weichenstellung

SAP pusht aggressiv RISE with SAP — das Cloud-Hosting-Modell, bei dem SAP selbst die Infrastruktur betreibt. Die Vorteile sind real: schnellerer Migrationspfad, SAP übernimmt Basis-Administration, automatische Updates. Aber die Entscheidung ist komplexer als das Marketing suggeriert.

RISE with SAP (Cloud):

  • Schnellerer Go-Live (SAP übernimmt Infrastruktur-Setup)
  • Geringere initiale Investition (OpEx statt CapEx)
  • Automatische Updates und Patches
  • Eingeschränkte Customizing-Möglichkeiten
  • Abhängigkeit von SAPs Cloud-Roadmap
  • Laufende Kosten oft höher als On-Premise nach 5 Jahren

On-Premise S/4HANA:

  • Volle Kontrolle über Customizing und Erweiterungen
  • Höhere initiale Investition, aber planbare TCO
  • Flexiblere Hosting-Optionen (Private Cloud, Hyperscaler)
  • Längere Migrationsdauer
  • Eigenes Basis-Team erforderlich

Für PE-Portfolio-Unternehmen ist die Entscheidung oft eindeutig: RISE with SAP reduziert das Migrations-Risiko und die Time-to-Value — beides kritisch für PE-Holding-Perioden von 3-5 Jahren. Aber für Unternehmen mit tiefem SAP-Customizing, und davon gibt es in der DACH-Region besonders viele, kann die Cloud-Migration bedeuten, dass jahrelang aufgebaute Prozesslogik neu gebaut werden muss.

Greenfield, Brownfield, Bluefield: Wo die Risiken liegen

Die Migrationsstrategie ist die zweite existenzielle Entscheidung:

Greenfield (Neuimplementierung):

  • Komplett neues S/4HANA-System, keine Altlasten
  • Chance, Prozesse fundamental zu überdenken
  • Höchstes Risiko: 18-36 Monate, massive Change-Management-Herausforderung
  • Sinnvoll bei stark fragmentierten ECC-Landschaften oder Post-Merger-Szenarien

Brownfield (System Conversion):

  • Bestehende ECC-Instanz wird technisch auf S/4HANA konvertiert
  • Customizing bleibt erhalten (sofern S/4HANA-kompatibel)
  • 12-18 Monate, geringeres Business-Risiko
  • Problem: Legacy-Schulden werden mitgenommen

Bluefield (Selective Data Transition):

  • Hybrid-Ansatz: Neues S/4HANA-System, aber selektive Übernahme von Stammdaten und Customizing
  • Versucht, die Vorteile von Green- und Brownfield zu kombinieren
  • Komplexeste Option, erfordert spezialisierte Tools (z.B. SNP Bluefield)

In meinen Tech Due Diligences sehe ich ein klares Muster: Unternehmen, die Brownfield wählen, unterschätzen systematisch den Aufwand für Custom-Code-Anpassungen. SAP hat mit der Simplification List über 400 Änderungen dokumentiert, die bei der Conversion berücksichtigt werden müssen. Jede Z-Transaktion, jeder Custom Report, jede ABAP-Eigenentwicklung muss geprüft und möglicherweise umgeschrieben werden.

Die Konsolidierungswelle im SAP-Partner-Markt

Die All-for-One/apsolut-Transaktion aus KW13 ist kein Einzelfall — sie ist Symptom einer Konsolidierungswelle, die den SAP-Partner-Markt fundamental umstrukturiert.

TrendTreiber
Partner kaufen Berater-KapazitätDemand übersteigt Supply, organisches Wachstum zu langsam
PE-Investoren entdecken SAP-ServicesRecurring Revenue durch Managed Services, hohe Kundenbindung
Spezialisierung wird PremiumBranchenspezifische S/4HANA-Expertise (Automotive, Pharma, Utilities) ist knapp
Managed Services als WachstumshebelNach der Migration: langfristige Betriebsverträge als Recurring Revenue

Für PE-Investoren ist der SAP-Partner-Markt ein klassisches Buy-and-Build-Play: Fragmentiert (tausende kleine Beratungen), mit vorhersehbarem Demand (Deadline-getrieben), und einem natürlichen Übergang von Projekt- zu Recurring-Revenue (Migration → Managed Services). DATAGROUP SE und All for One Group sind die etablierten Konsolidierer — aber auch neue PE-Plattformen entstehen.

Nach der Migration: Managed Services als neues Geschäftsmodell

Die eigentliche Goldgrube liegt nicht in der Migration selbst — sondern in dem, was danach kommt. Ein S/4HANA-System braucht laufende Betreuung: Basis-Administration, Security-Patches, Performance-Tuning, Erweiterungsentwicklung. Für SAP-Partner transformiert sich das Geschäftsmodell:

Vor der Deadline: Projektgeschäft (einmalig, margenstarke aber volatile Revenue) Nach der Deadline: Managed Services (recurring, planbar, aber geringere Marge pro Stunde)

Die smartesten Partner bauen schon jetzt Managed-Services-Kapazitäten auf. Wer seine Kunden nach der Migration weiter betreut, hat einen Lifetime-Value, der den Migrations-Umsatz um ein Vielfaches übersteigt.

Die AI-Dimension: Warum die Deadline auch eine AI-Deadline ist

SAP investiert massiv in AI: Joule als generativer Copilot, Business AI für Prozessautomatisierung, und kürzlich angekündigte Agentic-AI-Features für autonome Geschäftsprozesse. Alle diese Features setzen S/4HANA voraus.

Wie ich in Agent statt Anwender analysiert habe, verändern AI-Agents die SaaS-Geschäftslogik fundamental. Im ERP-Kontext bedeutet das: Ein AI-Agent, der autonom Bestellungen auslöst, Lieferketten optimiert oder Finanzabschlüsse vorbereitet, braucht eine moderne Datenarchitektur. ECC 6.0 mit seiner BSEG-Tabelle und den klassischen FI/CO-Strukturen ist dafür schlicht nicht gebaut.

Die Konsequenz für PE-Investoren: Bei jeder Due Diligence eines DACH-Unternehmens muss die SAP-Migration auf der Checkliste stehen. Ein Portfolio-Unternehmen auf ECC 6.0 hat nicht nur ein Support-Risiko — es hat ein AI-Readiness-Defizit, das die Exit-Bewertung drückt.

Risiken und blinde Flecken

1. Extended Maintenance als Falle: SAP bietet Extended Maintenance bis 2030 gegen Aufpreis an. Viele Unternehmen werden diese Option als Ausrede nutzen, um die Migration zu verzögern. Das Problem: Jedes Jahr Verzögerung vergrößert den technischen Abstand zu S/4HANA und erhöht die Migrationskosten. Extended Maintenance ist kein Migrationspfad — es ist ein teurer Aufschub.

2. Clean Core Illusion: SAP propagiert “Clean Core” — ein S/4HANA-System ohne Custom Code, das vollständig über SAP-Standard und BTP-Erweiterungen läuft. In der Theorie elegant. In der Praxis haben DACH-Unternehmen jahrzehntelang SAP an ihre Prozesse angepasst. Ein “Clean Core” bedeutet oft: Prozesse an SAP anpassen, nicht umgekehrt. Das ist Change Management auf Vorstandsebene.

3. Datenqualität als Showstopper: Die häufigste Ursache für gescheiterte Migrationen ist nicht die Technik — es sind die Daten. Inkonsistente Stammdaten, doppelte Kreditoren, verwaiste Materialstämme. Ein Brownfield-Ansatz übernimmt diese Probleme. Ein Greenfield-Ansatz erzwingt die Bereinigung, und damit ein Projekt im Projekt.

Meine Perspektive 🎯

  1. Die Deadline ist real — und 20.000 Unternehmen werden sie verpassen. Das ist keine Panikmache, sondern Mathematik. Bei durchschnittlich 12-18 Monaten Migrationsdauer und einem Demand-Supply-Gap von Faktor 3 bei Beratern ist es physisch unmöglich, alle Migrationen bis Ende 2027 durchzuführen. Wer heute keinen Berater unter Vertrag hat, wird 2027 nicht live sein.

  2. Der SAP-Partner-Markt ist das attraktivste Buy-and-Build-Segment im DACH-Softwaremarkt. Deadline-getriebener Demand, fragmentierter Markt, natürlicher Übergang zu Recurring Revenue. All for One und DATAGROUP konsolidieren bereits — aber es gibt Platz für 2-3 weitere PE-backed Plattformen.

  3. RISE with SAP ist für die meisten Mittelständler der richtige Pfad — aber SAP muss liefern. Die Cloud-Migrationserfahrungen der letzten 18 Monate waren gemischt. Performance-Probleme, Feature-Gaps gegenüber On-Premise, und eine Preisstruktur, die erst ab Jahr 5 günstiger wird als On-Premise. SAP muss hier nachbessern, sonst flüchten Kunden zu alternativen Cloud-Strategien auf AWS oder Azure.

  4. Für PE-Investoren gilt ab sofort: SAP-Status ist Due-Diligence-Pflicht. Jedes DACH-Portfolio-Unternehmen mit SAP braucht einen klaren Migrationspfad. Die Fragen: Wann ist der Go-Live geplant? Budget allokiert? Berater unter Vertrag? Custom-Code-Analyse durchgeführt? Wer diese Fragen nicht beantworten kann, hat ein materielles Risiko im Portfolio.

  5. Die AI-Perspektive macht die Deadline noch dringlicher. S/4HANA ist nicht nur ein Upgrade — es ist die Plattform für SAP Business AI, Joule und Agentic ERP. Wie ich in Software-Moats im AI-Zeitalter beschrieben habe, werden Daten-Moats zum entscheidenden Wettbewerbsvorteil. Ein modernes S/4HANA-System mit sauberen Daten ist die Grundlage für AI-Features, die in 2-3 Jahren Table Stakes sein werden.

Fazit: Die Checkliste

Für CIOs:

  • Migrationsstrategie festgelegt (Greenfield/Brownfield/Bluefield)?
  • Berater-Kapazität gesichert?
  • Custom-Code-Analyse durchgeführt (ABAP, Z-Transaktionen)?
  • Datenqualitäts-Assessment abgeschlossen?
  • RISE vs. On-Premise Entscheidung getroffen?
  • Change-Management-Plan für Fachabteilungen?

Für PE-Investoren:

  • SAP-Status aller Portfolio-Unternehmen dokumentiert?
  • Migrationskosten in der Investment-Thesis berücksichtigt?
  • SAP-Partner-Markt als Buy-and-Build-Opportunity evaluiert?
  • AI-Readiness-Gap durch fehlende S/4HANA-Migration quantifiziert?

Die S/4HANA-Deadline ist kein IT-Projekt. Es ist eine strategische Weichenstellung, die über Wettbewerbsfähigkeit, AI-Readiness und Exit-Bewertungen entscheidet. Wer sie unterschätzt, zahlt doppelt: Einmal für die verspätete Migration — und ein zweites Mal für die verpasste AI-Revolution.


Quellen