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AI Governance

Zwei Tage bis in den Konzern: Im M365 Copilot wechseln die Modelle schneller als eure Freigaben

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Anthropic hat Claude Sonnet 5 am 30. Juni veröffentlicht. Am 2. Juli stand das Modell im Microsoft 365 Copilot, produktiv, für Millionen Enterprise-Nutzer. Zwei Tage. Ich kenne keinen Mittelstands-Freigabeprozess, der in zwei Tagen auch nur den Termin für das erste Abstimmungsmeeting findet.

In „Fable 5 ist zurück” ging es um das Klumpenrisiko beim Modellanbieter: Ein Frontier-Modell kann aus regulatorischen Gründen über Nacht verschwinden. Diesmal geht es um die andere Seite, den Verteilweg. Microsoft schiebt neue Modelle inzwischen so schnell in die Alltagswerkzeuge, dass die Governance-Frage nicht mehr lautet, ob ihr ein Modell einführt. Sie lautet, ob ihr mitbekommt, dass es schon da ist.

Was sich bei Microsoft konkret geändert hat

Drei Dinge, alle aus den offiziellen Microsoft-Dokumenten, alle aus den letzten Wochen:

Anthropic ist Microsoft-Subprozessor, und die Modelle sind default-on. Seit Anthropic als Subprozessor onboardet ist, aktiviert Microsoft die Claude-Modelle in der Commercial Cloud standardmäßig, in Microsoft 365 Copilot, Researcher, Copilot Studio und der Power Platform. Die Ausnahme sind EU-, EFTA- und UK-Tenants: Dort stehen die Modelle auf default-off, denn Anthropic-Modelle sind explizit von der EU Data Boundary ausgenommen. Wer in DACH also nichts tut, ist erst einmal geschützt. Ein einziger Opt-in im Admin Center ändert das, und zwar für alle freigeschalteten Nutzer.

Fable 5 steckt als „Preview model with Data Retention” im Cowork-Modellwähler. Copilot Cowork, seit Juni allgemein verfügbar, listet neben Auto, Sonnet 5, Opus 4.8 und GPT 5.5 auch „Claude Fable 5 (Preview)”. Der Eintrag hat es in sich: Für diese Modellklasse agiert Anthropic als eigenständiger Datenverarbeiter, nicht als Microsoft-Subprozessor. Es gelten Anthropics eigene Commercial Terms und Anthropics DPA, nicht das Microsoft-DPA und nicht die Product Terms. Anthropic speichert Eingaben und Ausgaben bis zu 30 Tage, bei Verdacht auf Richtlinienverstöße bis zu zwei Jahre, die Klassifikator-Scores bis zu sieben Jahre. Microsoft blendet dazu ein Banner ein, solange das Modell gewählt ist. Der Schalter dafür ist tenant-weit default-off und muss vom Admin bewusst aktiviert werden, selbst dort, wo die übrigen Anthropic-Modelle längst laufen.

Die Ankündigungsfrist für KI-Subprozessoren schrumpft von sechs Monaten auf 30 Tage. Am 22. Mai hat Microsoft das Data Protection Addendum geändert. Für klassische Subprozessoren bleibt es bei sechs Monaten Vorlauf. Für Subprozessoren mit KI-Funktionalität gelten jetzt 30 Tage. Kunden behalten ein Deaktivierungsrecht, aber nur sechs Monate ab Ankündigung, danach verfällt es. Die Alternative ist die Kündigung des betroffenen Abonnements, was bei einer M365-Suite mit Exchange, Teams und SharePoint für die meisten Unternehmen keine reale Option ist.

Warum das mehr ist als ein Admin-Thema

Die drei Punkte zusammen ergeben eine neue Betriebsrealität. Bisher war die Modell-Entscheidung Teil der Softwarebeschaffung: einmal prüfen, einmal freigeben, jährlich reviewen. Dieses Modell passt nicht mehr zum Takt. Zwischen dem 30. Juni und dem 2. Juli lagen ein Modell-Launch und ein produktiver Enterprise-Rollout, und der Fable-5-Fall zeigt die Gegenrichtung im selben Tempo: 19 Tage Zwangspause, dann Rückkehr zu neuen Konditionen, unangekündigt zurück im Modellwähler.

Dazu kommt die Vertragsebene. „Anthropic-Modelle im Copilot” klingt nach einer Einstellung, sind aber je nach Modellklasse zwei verschiedene Rechtsverhältnisse: Subprozessor unter Microsoft-DPA für Sonnet und Opus, eigenständiger Verarbeiter unter Anthropic-Terms für Fable 5. Ein Datenschutzbeauftragter, der das Wort „Copilot” einmal freigegeben hat, hat über die zweite Kategorie nie entschieden.

Für PE-Portfolios in DACH heißt das dreierlei. Erstens gehört in die Tech-Due-Diligence ab sofort die Frage, wer im Zielunternehmen die Copilot-Modell-Defaults kontrolliert und wie oft. Die Antwort „unser IT-Dienstleister macht das” ist ein Finding. Zweitens brauchen Portfolio-Firmen einen wiederholbaren Freigabeprozess auf Modell-Familien-Ebene, mit klaren Kriterien: Subprozessor oder eigenständiger Verarbeiter, EU Data Boundary ja oder nein, Retention ja oder nein. Das ist ein Nachmittag Arbeit, einmal aufgesetzt, und danach eine Routine von 30 Minuten pro Modell-Event. Drittens gehört das Message Center ins Monitoring: Bei 30 Tagen Frist ist jede Ankündigung eines neuen KI-Subprozessors eine laufende Deadline, und das Widerspruchsrecht verfällt sechs Monate später.

Was ich daraus mitnehme

Microsoft hat die Architektur ehrlich gebaut: Default-off für EU-Tenants, eigener Schalter für Retention-Modelle, sichtbares Banner im Produkt. Das Problem liegt woanders. Die Kontrollen existieren, aber sie setzen voraus, dass jemand sie im Monatstakt bedient, und genau diese Rolle gibt es in den meisten Organisationen nicht. Modell-Governance war eine Beschaffungsentscheidung, jetzt ist sie eine Betriebsaufgabe. Wer sie weiter wie ein Projekt behandelt, delegiert die Entscheidung faktisch an Microsofts Default-Einstellungen und an den Zufall, welcher Admin wann welchen Schalter findet.