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Fraunhofer-Institut: Die Fraunhofer-Gesellschaft zur Förderung der angewandten Forschung e. V. ist Europas größte Organisation für angewandte Forschung...

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Fraunhofer-Institut

Die Fraunhofer-Gesellschaft zur Förderung der angewandten Forschung e. V. ist Europas größte Organisation für angewandte Forschung und Technologietransfer. Mit 75 Instituten in ganz Deutschland verbindet sie Grundlagenforschung mit industrieller Praxis und entwickelt marktreife Technologien, Softwareplattformen und Prototypen für Unternehmen des B2B-Sektors. Bekannt wurde sie international u. a. durch die Erfindung des MP3-Audiocodecs.

Überblick

  • Vollständiger Name: Fraunhofer-Gesellschaft zur Förderung der angewandten Forschung e. V.
  • Typ: Gemeinnütziger eingetragener Verein (e. V.), außeruniversitäre Forschungsorganisation
  • Gegründet: 26. März 1949, München
  • Hauptsitz: Hansastraße 27c, 80686 München, Deutschland
  • Website: fraunhofer.de
  • Mitarbeiter: ca. 32.000
  • Jahresbudget: ca. 3,6 Mrd. EUR (2024)
  • Industrieeinnahmen: 867 Mio. EUR (2024), davon 705 Mio. EUR Industrieaufträge und 162 Mio. EUR Lizenzeinnahmen
  • Institute: 75 Institute und eigenständige Forschungseinheiten in Deutschland
  • Neue Erfindungen 2024: 507, davon 439 Patentanmeldungen
  • Präsident: Prof. Dr.-Ing. Holger Hanselka (seit August 2023)
  • Namensgeber: Joseph von Fraunhofer (1787–1826), Physiker und Optik-Unternehmer

Produkte und Services

Auftragsforschung und Vorentwicklung

Der Kernservice der Fraunhofer-Gesellschaft ist die Auftragsforschung für Industrie und öffentliche Hand. Unternehmen beauftragen Fraunhofer-Institute mit der Entwicklung neuer Technologien, Prototypen und Machbarkeitsstudien – vom Algorithmus bis zum funktionsfähigen Demonstrator.

Software-Produkte und -Plattformen

Mehrere Institute entwickeln eigenständige Software-Produkte:

Produkt / Plattform Institut Beschreibung
Eclipse BaSyx / AAS Dataspace IESE (Kaiserslautern) Open-Source-Middleware für Asset Administration Shell (AAS), Digitale Zwillinge und Datenräume (Industrie 4.0)
BeeGFS ITWM (Kaiserslautern) Paralleles Hochleistungs-Dateisystem, weit verbreitet im HPC-Bereich
GeoDict ITWM / Math2Market Software für virtuelle Materialentwicklung und -simulation (2011 als Spin-off ausgegliedert)
IPS Cable Simulation Fraunhofer-Chalmers Simulationssoftware für Kabel- und Leitungsverlegung in Automobil und Luftfahrt

Technologietransfer

  • Lizenzvergabe: Fraunhofer-Patente werden an Industrie lizenziert (Jahreseinnahmen: 162 Mio. EUR)
  • Spin-offs: Über 480 Ausgründungen seit 2000; 2024 wurden 21 neue Unternehmen gegründet
  • Fraunhofer Venture: Beteiligungsarm, unterstützt Gründerteams mit dem 60-Mio.-EUR-Technologietransferfonds (gemeinsam mit dem European Investment Fund, seit 2019)

Forschungsgruppen mit ICT-Fokus

Die Fraunhofer ICT Group ist mit 21 Instituten, über 2.200 Wissenschaftlern und rund 260 Mio. EUR Budget die größte Anbieterin angewandter IKT-Forschung in Europa. Schlüsselinstitute:

Institut Kürzel Standort Schwerpunkt
Inst. für Experimentelles Software Engineering IESE Kaiserslautern Software Engineering, Digital Twins, Cybersecurity
Inst. für Offene Kommunikationssysteme FOKUS Berlin Digitale Verwaltung, Open Source, Telekommunikation
Inst. für Intelligente Analyse- und Informationssysteme IAIS Sankt Augustin KI, Data Science, Machine Learning
Inst. für Sichere Informationstechnologie SIT Darmstadt IT-Sicherheit, Kryptographie
Inst. für Angewandte und Integrierte Sicherheit AISEC Garching Cybersecurity, Embedded Security
Inst. für Integrierte Schaltungen IIS Erlangen Halbleiter, Audiocodecs (MP3-Erfinder)
Inst. für Graphische Datenverarbeitung IGD Darmstadt Computergrafik, 3D, VR/AR
Inst. für Optronik, Systemtechnik und Bildauswertung IOSB Karlsruhe Bildverarbeitung, KI-Sensorik, Automatisierung

Geschichte und Entwicklung

Gründungsphase (1949–1959)

Die Fraunhofer-Gesellschaft wurde am 26. März 1949 in München gegründet. Erster Präsident war der Kernphysiker Prof. Walther Gerlach; das erste Senatspräsidium leitete Staatsekretär Hugo Geiger. Die Organisation startete mit nur 3 Mitarbeitern. 1951 flossen Marshallplan-Mittel (ERP), und 1952 anerkannte das Bundeswirtschaftsministerium Fraunhofer als dritte Säule der deutschen Forschungslandschaft neben DFG und Max-Planck-Gesellschaft. 1954 entstand das erste eigene Institut (IMPK, Mannheim). Bis 1959 wuchsen die Organisation auf 9 Institute und 135 Mitarbeiter mit einem Budget von 3,6 Mio. DM.

Expansion und internationale Bedeutung (1960er–1990er)

In den folgenden Jahrzehnten expandierte die Gesellschaft auf Dutzende Institute. Ein Meilenstein war die Entwicklung des MP3-Audiocodecs am Fraunhofer IIS in Erlangen (1987–1993) durch ein Team um Karlheinz Brandenburg – der bis heute meistgenutzte Audiocodec weltweit mit enormen Lizenzeinnahmen.

Digitalisierung und 75-jähriges Jubiläum (2000–2024)

Mit dem Digitalisierungsboom wuchs Fraunhofer zu einem zentralen Partner der deutschen Industrie für KI, Cybersecurity, Industrie 4.0 und digitale Transformation. 2024 feierte die Organisation ihr 75-jähriges Jubiläum mit 75 Instituten, 32.000 Mitarbeitern und einem Budget von 3,6 Mrd. EUR.

Führung

Präsident: Prof. Dr.-Ing. Holger Hanselka (seit 15. August 2023)

Hanselka ist der 11. Präsident der Fraunhofer-Gesellschaft. Er wurde am 25. Mai 2023 einstimmig vom Senat gewählt. Zuvor war er von 2013 bis 2023 Präsident des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT) und von 2001 bis 2013 Direktor des Fraunhofer LBF in Darmstadt. Er ist seit 2006 in verschiedenen Fraunhofer-Gremien tätig.

Finanzierung und Eigentümerschaft

Die Fraunhofer-Gesellschaft ist ein gemeinnütziger Verein ohne privatwirtschaftliche Eigentümer. Die Finanzierung erfolgt nach dem sogenannten Fraunhofer-Modell:

Finanzierungsquelle Anteil Details
Grundfinanzierung Bund/Länder ca. 30 % Bund (BMBF) und Länder im Verhältnis 90:10
Öffentlich geförderter Wettbewerb ca. 30 % DFG, EU-Rahmenprogramme, sonstige Drittmittel
Industrieaufträge ca. 30–40 % Direkte Verträge mit der Privatwirtschaft

Das Modell schafft einen Hebeleffekt: Steigende Industrieeinnahmen führen automatisch zu mehr Grundfinanzierung – ein Anreiz für praxisnahe Forschung.

Da Fraunhofer kein privatwirtschaftliches Unternehmen ist, existiert keine PE/VC-Eigentümerschaft und keine Exit-Prognose.

Bemerkenswerte Spin-offs

Unternehmen Gründungsjahr Institut Beschreibung
exocad GmbH 2010 IGD Darmstadt Dental-CAD/CAM-Software; 2016 an The Carlyle Group verkauft
Math2Market / GeoDict 2011 ITWM Kaiserslautern Virtuelle Materialentwicklung und -simulation
ThinkParQ – ITWM Kaiserslautern BeeGFS-Hochleistungs-Dateisystem

Wettbewerb

Vergleichbare europäische Forschungsorganisationen:

Organisation Land Mitarbeiter Besonderheit
TNO Niederlande ca. 3.400 Strategische Kooperation mit Fraunhofer
VTT Finnland ca. 2.000 Führendes technologisches Forschungsinstitut Nordeuropas
RISE Schweden ca. 3.000 Staatliches Forschungspendant Schwedens
SINTEF Norwegen ca. 2.000 Nordeuropas größtes unabhängiges Forschungsinstitut
IMEC Belgien ca. 5.500 Weltklasse-Forschung Halbleiter/Nanoelektronik

Fraunhofer ist mit Abstand die größte dieser Organisationen (fast 10× Budget und Mitarbeiterzahl von TNO/VTT) und gilt europaweit als Referenzmodell für angewandte Forschung.

Quellen