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Investor Aktualisiert: 9.2.2026

Ka-Jo Neukirchen

Ka-Jo Neukirchen: Dr. Karl-Josef „Kajo" Neukirchen (17. März 1942 in Bonn – 26. Dezember 2020) war ein deutscher Industriemanager und Investor, der als...

Kajo Neukirchen

Dr. Karl-Josef „Kajo” Neukirchen (17. März 1942 in Bonn – 26. Dezember 2020) war ein deutscher Industriemanager und Investor, der als einer der bedeutendsten Unternehmenssanierer der deutschen Nachkriegsgeschichte gilt. Er rettete unter anderem die Klöckner-Humboldt-Deutz AG (KHD), die Hoesch AG und die Metallgesellschaft AG vor der Insolvenz. Nach seiner aktiven Managementkarriere gründete er 2003 die Kajo Neukirchen GmbH, ein Family Office mit Fokus auf industrielle Mittelstandsbeteiligungen, Immobilien und nachhaltige Forstwirtschaft.

Überblick

  • Typ: Family Office / Industrieholding
  • Gründung: 2002 (eingetragen), operativ ab 2003
  • Hauptsitz: Frankfurter Straße 20, 65760 Eschborn
  • Geschäftsführer: Dr. Marcell Vollmer (seit Dezember 2024)
  • Eigentümer: Familie Neukirchen (2. Generation, seit 2020)
  • Bilanzsumme: ca. 400 Mio. EUR (2023)
  • Umsatz: ca. 225 Mio. EUR (2016)
  • Beteiligungen: ca. 44 Unternehmen
  • Website: neukirchen-gruppe.de

Biografie

Herkunft und Ausbildung

Karl-Josef Neukirchen wuchs als Einzelkind eines Töpfers und einer Schneiderin in einfachen Verhältnissen auf. Nach der Volksschule und einer kaufmännischen Lehre holte er sein Abitur auf dem Zweiten Bildungsweg nach. Ab 1964 studierte er Physik und Volkswirtschaft an der Universität Bonn und promovierte 1973 zum Dr. rer. pol. mit einer Dissertation über Operations Research und Entscheidungstheorie.

Frühe Karriere

  • 1973–1981: Assistent des Vorstands bei der Kabelwerk Reinshagen GmbH (Philips-Tochter) in Wuppertal, ab 1977 Geschäftsführer der Felten & Guilleaume Kabelwerke
  • 1981–1987: Geschäftsführung der SKF GmbH in Schweinfurt, ab 1985 Vorsitzender – erfolgreiche Restrukturierung des Kugellagerherstellers

Sanierung der KHD (1988–1991)

Im Auftrag der Deutschen Bank übernahm Neukirchen im Januar 1988 den Vorstandsvorsitz der verlustträchtigen Klöckner-Humboldt-Deutz AG (KHD) in Köln. Seine Maßnahmen:

  • Reduzierung der Belegschaft um 32 % auf 16.425 Mitarbeiter (6.300 Stellen gestrichen)
  • Jährliche Einsparungen von ca. 300 Mio. DM
  • Veräußerung von 15 Tochtergesellschaften allein 1988
  • 1989 erstmals wieder schwarze Zahlen seit 1985

KHD wurde vor der Insolvenz gerettet und existiert heute als Deutz AG weiter.

Hoesch AG (1991–1992)

Am 5. August 1991 wurde Neukirchen Vorstandsvorsitzender der Hoesch AG in Dortmund – er sollte der letzte CEO des Traditionsunternehmens werden. Er entwickelte die Strategie „Hoesch 2000” zur Konzentration auf das Kerngeschäft. Nur zwei Monate nach seinem Amtsantritt führte Krupp-Chef Gerhard Cromme eine feindliche Übernahme durch. Neukirchen verließ das Unternehmen im August 1992 nach nur zwölf Monaten.

Metallgesellschaft AG (1993–2002)

Die Sanierung der Metallgesellschaft war Neukirchens längstes und bedeutendstes Mandat:

Die Krise: Im Herbst 1993 geriet die Metallgesellschaft AG (gegründet 1881, Umsatz 21+ Mrd. DM, 26.000 Mitarbeiter) durch massive Öltermin-Spekulationen der US-Tochter MGRM in eine existenzbedrohende Liquiditätskrise. Es drohte die größte deutsche Unternehmensinsolvenz der Nachkriegszeit.

Neukirchens Maßnahmen:

  • Organisation eines Bankenrettungspakets über 2 Mrd. USD mit über 150 Banken
  • Kostensenkungsprogramm von 1,63 Mrd. USD
  • Abbau von 7.500 Arbeitsplätzen
  • Reduzierung der Tochtergesellschaften von 746 auf 380
  • Konzentration auf vier Kernbereiche: Handel, Anlagenbau, Chemie, Bautechnik

Ergebnis:

Kennzahl1993/941997/98
Jahresergebnis-2,627 Mrd. DM+303 Mio. DM
Eigenkapital-267 Mio. DM+1,006 Mrd. DM
Cash Flow-2,661 Mrd. DM+637 Mio. DM
Marktkapitalisierung1,5 Mrd. DM5,1 Mrd. DM

Sein Motto in dieser Zeit: „Druck, Druck, Druck!” – wie bei der Entstehung von Diamanten. 1999 übernahm die Metallgesellschaft die GEA AG, wurde 2000 in mg technologies AG umbenannt und firmiert heute als GEA Group.

Aufsichtsratsmandate

  • Klöckner-Werke AG – Aufsichtsratsvorsitzender (1993–1995)
  • FAG Kugelfischer Georg Schäfer AG, Schweinfurt – Aufsichtsratsvorsitzender (1993–2001)
  • Vossloh AG – Aufsichtsratsvorsitzender (bis 2005)
  • Sixt AG – Aufsichtsratsvorsitzender
  • Stadtwerke Düsseldorf AG – Aufsichtsratsmitglied

Neukirchen Gruppe – Investment-Fokus

Strategie

Die Kajo Neukirchen GmbH investiert ausschließlich mit Eigenkapital (keine Fondsstrukturen) und verfolgt einen langfristigen Value-Investing-Ansatz. Die Philosophie: „Hohe Transaktionssicherheit durch Eigentümer-zu-Eigentümer-Verkäufe.”

Investmentkriterien

  • Regionen: Deutschland, Österreich, Schweiz (DACH)
  • Mindestgröße: 50 Mio. EUR Umsatz
  • Fokus: Unternehmen mit eigener Wertschöpfung und internationaler Ausrichtung
  • Besonderes Interesse: Konzerntöchter und Spin-offs

Drei Säulen

BereichAnteil (2016)Beschreibung
Industrie~97 %Mittelständische Unternehmen in Investitionsgütern und IT
Immobilien~2,6 %Gewerbe- und Wohnimmobilien in Frankfurt, Wiesbaden, Mannheim, Heidelberg
Forstwirtschaft~0,4 %Nachhaltige Waldwirtschaft in Finnland und Uruguay

Portfolio-Unternehmen

Aktuelle Beteiligungen

UnternehmenBrancheErworbenBeschreibung
VIVAVIS AGIT / Energie2007 (als IDS GmbH)IT-Lösungen für Energie- und Wasserinfrastruktur, ~850 Mitarbeiter, 136,7 Mio. EUR Umsatz (2024)
surfactor Germany GmbHIndustrie2011Oberflächenlösungen für technische Holzwerkstoffe, 220 Mitarbeiter, 80+ Mio. EUR Umsatz
Lahnpaper GmbHPapier2015Spezialpapierfabrik in Lahnstein
Seeger-Orbis GmbHMaschinenbau2020Weltmarktführer für Sicherungsringe, gegründet 1917, Sitz in Königstein im Taunus
Systema Datentechnik GmbHIT2012Kritische IT-Infrastruktur und IT-Sicherheit, Standorte in DE und CH

VIVAVIS-Tochtergesellschaften

Die VIVAVIS AG (Sitz Ettlingen, 5.000+ Kunden weltweit, 30+ Standorte) entstand 2020 durch Verschmelzung mehrerer Neukirchen-Beteiligungen und umfasst unter anderem:

  • AMW GmbH – Schaltanlagen und Engineering
  • Berg GmbH – Energie- und Lastmanagement
  • CAIGOS GmbH – GIS und Asset Management (erworben 2011)
  • eoda GmbH – Data Science und KI (51 % erworben 2020)
  • VIVASECUR GmbH – Leitsysteme für kritische Infrastruktur
  • swissphone systems GmbH – Software für den öffentlichen Sektor (erworben 2016)
  • TURAS AG – Mobile Messlösungen, Schweiz (erworben 2018)
  • CC Communicate Consult GmbH – IT-Beratung (erworben 2019)

Exits und M&A-Aktivitäten

UnternehmenErworbenVerkauftKäuferDetails
SGB-SMIT Group2007/20082008BC PartnersGünstig von RWE übernommen, mit hohem Gewinn weiterverkauft; einer der bekanntesten Deals der Gruppe
LGI Logistics Group20122016Elanders Group (Schweden)Verkaufspreis: 257 Mio. EUR; Kontraktlogistiker mit 1.900 Mitarbeitern und 29 europäischen Standorten

Team und Nachfolge

Nach dem Tod von Kajo Neukirchen Ende 2020 ging die Gruppe an die zweite Familiengeneration über. Sein Sohn Ralph Josef Neukirchen ist Geschäftsführer und Gesellschafter der Kajo Neukirchen Management und Beteiligungs GmbH.

Seit Dezember 2024 wird die Kajo Neukirchen GmbH von Dr. Marcell Vollmer als alleinigem Geschäftsführer geleitet. Er ist Experte für Strategie, Innovation und digitale Transformation.

Prokuristen: Sabine Helms, Stefan Helmut Wolz

Die Gruppe hat seit 2021 eine Familienverfassung und verfolgt eine „Servant Leadership”-Philosophie. Seit 2024 wird die „Strategie 2030” implementiert.

Persönliches

Kajo Neukirchen war verheiratet mit Erika Neukirchen. Er hinterließ zwei Kinder und vier Enkelinnen. Neben seiner unternehmerischen Tätigkeit engagierte er sich als Vorstand der Ingrid-zu-Solms-Stiftung (Förderung weiblicher intellektueller Talente) und der Deutschen Lungenstiftung.

Er galt als einer der härtesten und besten Manager Deutschlands und wurde in den Medien mit Lee Iacocca verglichen. Das Handelsblatt nannte ihn „den ewigen Sanierer”.

Kajo Neukirchen starb am 26. Dezember 2020 im Alter von 78 Jahren an den Folgen einer COVID-19-Erkrankung.

Quellen

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