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Unternehmen Aktualisiert: 31.12.2025

Nasdaq Europe

Nasdaq Europe war eine paneuropäische elektronische Wertpapierbörse mit Sitz in Brüssel, Belgien. Sie entstand 2001 aus der Übernahme der EASDAQ (European...

Nasdaq Europe

Nasdaq Europe war eine paneuropäische elektronische Wertpapierbörse mit Sitz in Brüssel, Belgien. Sie entstand 2001 aus der Übernahme der EASDAQ (European Association of Securities Dealers Automated Quotation) durch die amerikanische Nasdaq. Die Börse fokussierte sich auf wachstumsstarke Technologie- und Wachstumsunternehmen, stellte jedoch 2003 aufgrund des Platzens der Dotcom-Blase den Betrieb ein. Das technologische Erbe lebt heute in der Handelsplattform Equiduct fort, die von der Börse Berlin betrieben wird.

Überblick

MerkmalDetails
TypElektronische Wertpapierbörse
VorgängerEASDAQ (gegründet 1996)
Umbenennung2001 (nach Nasdaq-Übernahme)
Schließung2003
HauptsitzBrüssel, Belgien
MuttergesellschaftNasdaq, Inc.
FokusWachstumsunternehmen, Technologie, Biotechnologie, Telekommunikation
HandelsmodellMarket-Maker-basiert
NachfolgerEquiduct (seit 2007, Börse Berlin)

Geschichte und Entwicklung

EASDAQ: Die Ursprünge (1994–1996)

Die Wurzeln von Nasdaq Europe liegen in der EASDAQ, die als europäisches Gegenstück zur amerikanischen Nasdaq konzipiert wurde. Im November 1994 wurde die European Association of Securities Dealers (EASD) offiziell gegründet, mit dem Ziel, einen paneuropäischen Markt für Wachstumsunternehmen zu schaffen.

Die EASDAQ wurde als privatwirtschaftliches Unternehmen geführt. Das Startkapital betrug 1 Million ECU, bereitgestellt von 39 Gesellschaftern aus neun Ländern. Die Börse wurde in Belgien als EU-Mitgliedstaat angesiedelt und unterlag einem einheitlichen Rechtssystem – im Gegensatz zu einem Verbund nationaler Börsen.

Am 27. November 1996 nahm EASDAQ den Handel auf. Die erste gelistete Aktie war Dr. Solomon’s Group, ein britisches Antivirus-Softwareunternehmen. Die Erstnotierung wurde von Goldman Sachs begleitet, wobei eine Doppelnotierung an EASDAQ und Nasdaq empfohlen wurde, um Liquiditätsbedenken in der Anfangsphase zu begegnen.

Wachstum und Herausforderungen (1997–2000)

Zum ersten Jahrestag hatte EASDAQ 23 Unternehmen gelistet – das ursprüngliche Ziel von 50 Unternehmen wurde verfehlt. Die Börse befand sich in einem Teufelskreis: Ohne höhere Handelsvolumina und Liquidität konnten keine neuen Unternehmen angezogen werden, aber ohne neue Unternehmen blieben die Volumina niedrig.

Dennoch erlebte EASDAQ Momente des Erfolgs: Im Januar 1998 stiegen die EASDAQ-Aktien um 18 Prozent in nur drei Wochen und machten sie zum zweitbesten Markt weltweit nach dem südkoreanischen KOSPI-Index.

Übernahme durch Nasdaq (2001)

Im Jahr 2001 erwarb die amerikanische Nasdaq eine Mehrheitsbeteiligung an EASDAQ. Nach Ausübung ausstehender Optionsscheine und Ausgabe zusätzlicher Aktien betrug Nasdaqs Anteil etwa 51 Prozent. Die Börse wurde in Nasdaq Europe umbenannt.

Stanislas Yassukovich, Chairman von EASDAQ, kommentierte die Transaktion: „Diese Transaktion stellt den Höhepunkt jahrelanger Bemühungen dar, einen paneuropäischen Aktienmarkt für Wachstumsunternehmen zu schaffen.”

Im November 2001 kündigte Nasdaq Europe eine Partnerschaft mit der Börse Berlin an, um europäische, asiatische und US-Aktien sowie ETFs und Optionsscheine anzubieten.

Schließung (2003)

Als Folge des Platzens der Dotcom-Blase wurde der Betrieb von Nasdaq Europe 2003 eingestellt. Die Börse hatte zum Zeitpunkt der Übernahme Schulden von über 15 Millionen US-Dollar angehäuft.

Wiedergeburt als Equiduct (2007–heute)

2007 wurde Nasdaq Europe als Equiduct wiederbelebt. Im September 2007 erwarb die Börse Berlin AG eine Mehrheitsbeteiligung an EASDAQ NV, die unter dem Markennamen Equiduct operierte. Die Equiduct-Handelsplattform wurde am 20. März 2009 offiziell gestartet und ist heute eine paneuropäische Handelsplattform für Aktien und ETFs.

Produkte und Services

Nasdaq Europe bot als Market-Maker-basierte Börse folgende Dienstleistungen an:

  • Primärnotierungen für wachstumsstarke Unternehmen
  • Sekundärmarkt-Handel mit elektronischer Orderausführung
  • Doppelnotierungen mit der amerikanischen Nasdaq
  • T+3-Abwicklung – als erste Börse in Europa, die die Empfehlungen der Group of Thirty erfüllte

Fokussektoren

Die Börse konzentrierte sich auf innovative Unternehmen aus:

  • Biotechnologie und Pharma
  • Telekommunikation
  • Computer- und Informationstechnologie
  • Software

Zulassungsregeln

Die Regeln für Mitglieder und gehandelte Unternehmen basierten primär auf den Nasdaq-Regularien, um Doppelnotierungen an beiden Börsen zu erleichtern.

Team und Führung

Vorstand und Management

NamePositionHintergrund
Stanislas YassukovichChairmanEhemaliger Deputy Chairman der London Stock Exchange, Chairman der Securities & Futures Authority, Chairman von Merrill Lynch Europe
Jos B. PeetersMitgründer (EASD), AuditorGründer von Capricorn Partners, erster Chairman der Belgian Venture Capital Association, Chairman von EVCA

Stanislas Yassukovich (geboren 1935) war eine zentrale Figur bei EASDAQ. Der amerikanisch-französische Bankier mit Harvard-Abschluss hatte zuvor als Deputy Chairman der London Stock Exchange und Chairman der Securities & Futures Authority gedient. Er wurde für seine Verdienste mit dem Order of the British Empire (CBE) ausgezeichnet.

Jos B. Peeters spielte eine Schlüsselrolle bei der Gründung der EASDAQ. Als Chairman der EVCA (heute Invest Europe) leitete er die Kapitalmarkt-Arbeitsgruppe, die zur Schaffung der EASDAQ führte.

Investoren und Eigentümer

Gründungsstruktur

  • 39 Gesellschafter aus neun Ländern
  • Startkapital: 1 Million ECU

Nach der Nasdaq-Übernahme (2001)

  • Nasdaq, Inc.: Mehrheitseigentümer (ca. 51%)
  • Knight Trading Group Inc.: Strategischer Investor
  • Acht große Wertpapierfirmen: Zusätzliche strategische Investoren

Gelistete Unternehmen (Auswahl)

UnternehmenBrancheBesonderheit
Dr. Solomon’s GroupAntivirus-SoftwareErste Notierung auf EASDAQ (1996)
Lernout & HauspieSpracherkennungBelgisches Tech-Flaggschiff, später Skandal

Lernout & Hauspie war eines der prominentesten an EASDAQ gelisteten Unternehmen. Das belgische Spracherkennungsunternehmen erreichte eine Marktkapitalisierung von fast 10 Milliarden US-Dollar mit Investoren wie Microsoft und Michael Dell. Der spektakuläre Zusammenbruch 2001 nach Aufdeckung von Bilanzfälschungen gilt als einer der größten Unternehmensskandale vor Enron.

Konkurrenz

Direkter Wettbewerb

BörseLandGegründetStatus
Neuer MarktDeutschlandMärz 1997Geschlossen 2003
AIMGroßbritannienJuni 1995Aktiv
Nouveau MarchéFrankreich1996In Euronext aufgegangen

Neuer Markt

Der Neuer Markt wurde am 10. März 1997 von der Deutschen Börse AG als direkter Konkurrent zu EASDAQ gestartet. Mit den ersten Handelstiteln Mobilcom und Bertrandt AG positionierte sich der Neuer Markt als Alternative für deutsche Wachstumsunternehmen. Ende 1997 waren bereits 17 Unternehmen gelistet. Wie Nasdaq Europe wurde auch der Neuer Markt 2003 geschlossen.

Alternative Investment Market (AIM)

Der AIM der London Stock Exchange wurde bereits im Juni 1995 als Ersatz für den Unlisted Securities Market gestartet. Mit seinem flexibleren regulatorischen Rahmen für kleinere Unternehmen ist AIM bis heute aktiv und erfolgreich.

Spätere Entwicklung des europäischen Börsenmarktes

Mit der Gründung von Euronext im September 2000 durch Zusammenschluss der Börsen Paris, Brüssel, Amsterdam und Lissabon entstand ein neuer paneuropäischer Börsenbetreiber, der heute den kontinentaleuropäischen Markt dominiert.

Bedeutung und Vermächtnis

Nasdaq Europe bzw. EASDAQ war ein wichtiger Versuch, einen einheitlichen europäischen Kapitalmarkt für Wachstumsunternehmen zu schaffen. Obwohl das Projekt letztlich scheiterte, legte es wichtige Grundlagen:

  • Pionierarbeit bei der Schaffung paneuropäischer Handelsinfrastruktur
  • Standardisierung von Zulassungsregeln nach amerikanischem Vorbild
  • T+3-Abwicklung als europäischer Standard

Das technologische Erbe lebt in Equiduct fort, das heute als paneuropäische Handelsplattform unter dem Dach der Börse Berlin (seit 2019 Teil der Tradegate Exchange) operiert.

Quellen

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